Su schön wie augenblecklich

Eine Auswahl an Kölschen Liedern sowie Rhein- und Weinliedern von und mit Willi Ostermann

Es ist kaum zu glauben, dass Willi Ostermann an einem Tag im August 1909 in Köln für die „Grammophon-Compagnie“, die ihren Hauptsitz in England hatte, 12 Lieder aufgenommen hat. Eine unglaubliche Leistung, wenn man bedenkt, dass Korrekturen wegen des Direktschnitts auf Wachsplatten unmöglich waren. Das Medium Schallplatte war in Deutschland gerade erst 9 Jahre alt und ein Metalltrichter dienste als Aufnahmevorrichtung.
„Dä es verdötsch“, „Meinste dat deiht dä nit?“, „Wenn mer fuffzehn Kinder hät“, „Kinddauffess unger Kranhnebäume“, „Wenn in Colonia der Carneval beginnt“, „Die ächte kölsche Poesie, „Jim, war häste för Bötzge ahn“, „Dat richtige kölsche Platt“, „Summ- un Brummleed“ und „Et Lissge us dr Deepegass“ waren weitere Titel des damals 33jährigen Humoristen. Diese Aufnahmen sind noch nahezu alle vorhanden (Willi Ostermann in Gold, Carlton Kat.Nr. 997-00399), jedoch ist die Wiedergabequaliät nichts mehr für an Stereoklang und Dolby Surround ge(ver-)wöhnte Ohren. Die auf dieser CD enthaltenen Aufnahmen stammen aus späteren Jahren und verbesserten Aufnahmebedingungen.



Su schön wor et noch nie
Aufnahme vom 18. Oktober 1932
In Köln sind Anfang1932 knapp 90.000 Menschen als Arbeitssuchende registriert. 46.000 erhalten Geld vom Arbeitsamt, das Wohlfahrtsamt unterstützt weitere 32.000 Familien mit insgesamt 96.000 Angehörigen. Willi Ostermann kommt mit einem Lied voller beißender und triefender Ironie: Nicht ungefährlich, aber Ostermann ist auf dem Höhepunkt seiner Popularität und an ihn traut man sich nicht heran. Kölner Historiker oder solche, die sich dafür halten, berichten des Öfteren, Ostermann sei Mitglied der NSDAP gewesen. Ein Blick in das amtliche „Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945“ von Fred K. Prieberg und hier auf die Seiten 5055 bis 5056 beweist, dass dies nicht der Fall ist. Vermerkt ist bei dem Namen Willi Ostermann, Komponist, Liedermacher und Musikverleger in Köln: Kein Eintrag im ZKNSDAP (=Zentrale Kartei der NSDAP).

Summ- un Brummleed
Aufnahme vom 2. Oktober 1930 -
Willi Ostermann greift ein Thema auf, das er schon 1909 auf einer Schallplatte besungen hat. Er überarbeitete und ergänzt den Text und führt uns mit dem neuen (alten) Lied in das Jahr 1880 zurück.


Uns kann nix mieh passiere
Aufnahme von 1934
In der ganzen Rheinprovinz und darüber hinaus wird Willi Ostermann bei seinen Gastspielen und Bädertourneen gefeiert. Die Kölner fühlen sich von ihrem Heimatdichter vernachlässigt. und unterstellen ihm, er sei nicht mehr an Kölner Milieuliedern interessiert, seitdem er durch die „Rhein-Wein- und Mägdeleinschlager“ zu Wohlstand gekommen sei. 1934 findet Willi Ostermann noch einmal zur alten Stärke zurück. Der Wettbetrug, in den eine renommierte Kölner Agentur verwickelt ist, liefert den Stoff für eine herrliche Story:


Denn nur der Rhein mit seiner Fröhlichkeit ist schuld
Aufnahme 19. Oktober 1931
In den Potpourris „Mit Willi Ostermann am Rhein“ ist dieses Lied nicht zu finden, da es bei Produktionsbeginn gerade erst entstanden war. Zeitgleich mit den Potpourris (Titel 9 und 10) wurde es aufgenommen und veröffentlicht.
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Ich weiß was von Dir
Aufnahme vom 18. Oktober 1935
Bei der Carl Lindström AG in Berlin steht Willi Ostermann am 18. Oktober 1935 zum letzten Mal in einem Tonstudio. Das Tanzorchester Eric Harden unter der Leitung von Otto Dobrindt begleitet ihn bei diesem Lied und bei „Loblied auf den 34er Wein“. Die Schallplatte mit beiden Liedern wird im Dezember 1935 veröffentlicht.


Däm Schmitz sing Frau es durchgebrannt
Aufnahme von 16. Oktober 1931
Sicher wundern Sie sich jetzt über die gute Aufnahmequalität des aus dem Jahr 1907 stammenden Liedes. Nun, des Rätsels Lösung ist eine einfache, die aber zu großem Erstaunen führt. Denn erst am 16. Oktober 1931 bei Parlophon und im Jahr 1932 bei der Electrola-Gesellschaft in Berlin als Rückseite des Liedes „Die Höhnerfarm vum Zilla“ sang Willi Ostermann seinen herausragenden Erfolgsschlager, der eine neue Ära des kölnischen Liedes eingeleitet hat und mit dem der bis dato nur als Humorist bekannte Künstler 1908 einen kometenhaften Einstieg in den Kölner Karneval feiern konnte – übrigens auf der gleichen Sitzung der „Großen Kölner Karnevals Gesellschaft“, auf der auch das damals 17jährige „Fräulein Gretchen Fluss“, die als „Flusse Griet“ hernach landesweit Karriere als Humoristin und Revuekünstlerin machte, ihren vielbejubelten Einstieg im Kölner Karneval feiern konnte.
Warum das so ist, kann nur vermutet werden. Fakt ist, dass sich Willi Ostermann, wie auch schon bei vielen Liedern zuvor, einer gängigen Melodie bediente, in diesem Falle war es ein Marsch von Emil Neumann, der als Kapellmeister des Reichshallen-Theaters in der Gertrudenstraße einen klangvollen Namen hatte. Unter Hinweis auf das „Reichs-Gesetz 19. Juni 1897“ hat der Verlag „Curt Federau Cöln, Spezialgeschäft für Sprechmaschinen in der Friedrich-Wilhelm-Strasse 1“ auf dem Notenblatt vermerkt: „Alle Rechte vorbehalten!“
Es ist also nicht auszuschließen, dass et „Knies“ gegeben hat. Denn zum 1909 erschienenen und mit der Goldenen Fastenrath-Medaille als „Bestes Kölner Lied“ ausgezeichnete „Wer hät dat vun dä Tant gedaach“ und 1910 zu „Et Stina muß ne Mann han“ schrieb Ostermanns späterer Schwager Emil Palm die Melodien und als Verlagsadresse ist 1909 die Hohestraße 20/22 in Köln und ab 1910 der „Ostermann Verlag“ unter der gleichen Anschrift angegeben.


Das deutsche Keglerlied

Aufnahme vom 29. April 1932
Für den 1932 erschienenen Tonfilm „Einmal möchte ich keine Sorgen haben“ mit u.a. Adele Sandrock und Hubert von Meyerinck schrieb Willi Ostermann „Das deutsche Keglerlied“ oder auch „Wer dem Kegelsport nicht huldigt“. Viele Kegelfreunde haben oft nach diesem Lied, das sie vom „Hörensagen“ kannten, gesucht und gefragt – hier ist das selten gespielte Lied.


Dröm loß mer noch ens schunkele
Aufnahme vom 18. Oktober 1932
Zum Auftakt der Karnevalssession 1932/33 erscheint am 11.11. 1932 eines der wenigen Ostermann-Lieder mit karnevalistischem Bezug. Spätesten jetzt ist es für alle die, die das Lied kennen lernen, amtlich: Das Schunkeln kam in Köln zur Welt.
Wer hätte das gedacht. - Übrigens: Es gibt nicht wenige Zeitgenossen, die behaupten, Schunkeln sei die höchste Form des kölschen Klüngels!.


Mit Willi Ostermann am Rhein Teil 1
Mit Willi Ostermann am Rhein Teil 2
Aufnahme vom 18. Oktober 1931
Vergessen wir nicht Ostermanns Rhein- und Weinlieder, deren Noten in den Musikalienhandlungen nicht Stück-, sondern Pfundweise verkauft wurden. Zeitgleich mit dem Abmarsch der englischen Besatzungsmacht 1926 aus Köln und der Rheinprovinz erschien sein Lied „Es gibt nur einen deutschen Rhein“, dem Jahr für Jahr neue folgten. Einige davon hat Ostermann 1931 in seinem Potpourri zusammengefasst und gesungen.


Neues Jägerlied
Aufnahme vom 29. April 1932
Für die Schallplatten-Rückseite des für Ostermann ehe untypischen Werkes „Deutsche Keglerlied“ verfasste Willi Ostermann das „neue Jägerlied“ (Schnell die Büchse und das grüne Kleid).


Och wat wor dat fröher schön doch en Colonia
Aufnahme vom 2. Oktober 1930
Für die im „Groß-Köln“ aufgeführte Revue „Die Fastelovendsprinzessin“ mit der inzwischen zum großen Star avancierten Grete Fluss in der Hauptrolle schreibt Willi Ostermann drei Lieder, von denen eines die Herzen der Kölner im Nu erobert und das Gemüt dahinschmelzen lässt. Des großen Erfolges wegen fügt er für die Schallplatten-Aufnahme der Revue-Fassung eine weitere Strophe an.


Potpürre Ostermänner 1
Potpürre Ostermänner 2
Aufnahme vom 16. Oktober 1928
Ostermann schwimmt auf einer Woge des Erfolges und so reiht er zwischen 1910 und 1914 alljährlich eine musikalische Geschichte an die andere: „Wat litt dann an 10,000 Dahler“ „Jetz hät dat Schmitze Billa in Poppelsdorf en Villa“, „Schrumm, ald widder en Fleech kapott“, „Die Mähd die muss am Huus erus“, „Die Frau Bellmann muß mer laufe sin“,. „De Wienanz han nen Has em Pott“, „Wägen de Zimmermanns trecke mer nit us“, „O jömmich wat han se dem Hermann gedonn!“ usw.
Nach dem Krieg 1914-1918 leidet Köln unter Ausgangsbeschränkungen und Versammlungsverboten. Kriegsgewinnler, Maggler und Schieber tauchen auf - eine gewisse Schicht wird an die gesellschaftliche Oberfläche geschwemmt. Ostermann überzieht die Protzer und Spekulanten mit Spott: „Chrestian, du bes ne feine Mann“ und „Dä schöne Fädenand“ seien beispielhaft genannt. Ab 1920 sind Ostermanns musikalische Verzällcher wieder da. Einige der bis 1928 entstandenen Lieder hat Ostermann in zwei Potpourris gefasst und gesungen.


Die Höhnerfarm vum Zilla
Aufgenommen am 10. Oktober 1931
Willi Ostermann steht Anfang 1932 im Mittelpunkt einer Revue im „Groß Köln“ in der Friesenstrasse. „Vum Billa zum Zilla“ hatten Hans Jonen und Leo Renner ein großes Bühnenspektakel um die Melodien von Willi Ostermann genannt. Und vor allabendlich ausverkauftem Haus wurde in fröhlich-würdiger Weise des 25-jährigen Bühnenjubiläums von Ostermann gedacht. Und das Lied, das dem Stück seinen Namen gab, wurde gar als die 50. Schöpfung Ostermanns gepriesen und herausgestellt.
Sie haben es längst gemerkt: Da stimmt doch etwas nicht. Um auf das Jubiläum zu kommen, hatte man Ostermanns Erfolg von 1907 und das Lied vom Schmitz seiner durchgebrannten Frau als Ausgangspunkt fürs Zählen genommen und damit einfach 10 Bühnenjahre und rund 20 Lieder unterschlagen. Aber was soll’s: Der „Meister“ brauchte Geld, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Ostermanns Vorliebe für galoppierende Vierbeiner und seine ständigen Besuche auf Turfplätzen brachten ihn öfters an den Rand des Ruins.


Sehnsucht nach dem Rhein
Aufnahme von 1934
Angeregt durch den Spielfilm „Der Traum vom Rhein“, für den Willi Ostermann 1933 zusammen mit Ludwig Schmidseder die Musik schrieb und in dem er den Dirigenten eines Männergesangvereins spielt (ein Filmausschnitt ist auf der DVD enthalten), schrieb er dieses Lied, auf dessen Melodie er zwei Jahre später einen neuen Text verfasste.


An der Ahr, an der Ahr
Aufnahme von 1934
Zeitgleich mit dem vorherigen Lied besingt Willi Ostermann, einem Wunsch der Ahrwinzer folgend, die wild-romantische Ahr. Unterstütz wird er bei beiden Liedern von einem Gesangsquartett mit Hans Bund und seinem Orchester..


Heimweh nach Köln
Aufnahme Oktober 1932 mit Thomas Liessem
Im Kurhaus von Bad Neuenahr ist Willi Ostermann über viele Jahre oftmaliger Gast. So auch im Juli 1936. Während des Konzerts erleidet er einen Zusammenbruch und wird direkt danach in die Kölner Klinik Lindenburg eingeliefert. Nach einer schweren Magenoperation liegt er noch knapp zwei Wochen im Krankenhaus und schreibt dort sein letztes Lied „Heimweh nach Köln“, besser bekannt unter der Liedzeile „Ich mööch zo Foß noh Kölle gonn!“
Am 6. August 1936 stirbt Ostermann im Krankenhaus. Bei seiner Beisetzung am 10. August säumen Zehntausende den Trauerzug vom Neumarkt bis zum Melaten-Friedhof an der Aachener Straße. Sein Freund Thomas Liessem hält die Grabrede und nimmt im Oktober 1936 Ostermann nachgelassenes Lied in Berlin auf Schallplatte auf. Den Erlös und die Tantiemen seines Buches über Willi Ostermann spendet Thomas Liessem zur Errichtung des Ostermann-Brunnens, der 1939 eingeweiht wurde.